Intimsphäre ist der Luxus des 21. Jahrhunderts. Die Wohnung öffnet sich zunehmend der Außenwelt, wird zur Bühne, zur Arbeitsstätte. Und während die Wände des Kokons dünner werden und die Grenzen verwischen, vermischt sich auch der Formenkanon privater und öffentlicher Ästhetik.
Von Natur aus ist der Mensch ein Nomade. Eigentlich. Jahrtausende lang beschränkte sich sein Nestbautrieb auf Höhlen und das, was wir heute „temporäre Architektur” nennen würden – mehr oder weniger provisorische Schutzhütten. Man trat hinein oder hinaus, innen war innen und außen außen. Fensterlöcher wurden verrammelt, und das Zimmer mit Aussicht ist eine romantische Erfindung. Die Wohnung als Lebensmittelpunkt mit individueller Ästhetik und privatem Charakter ist nicht nur ein neuzeitliches, sondern geradezu modernes Phänomen.
Noch bis ins 20. Jahrhundert war ein eigenes Zimmer eher die Ausnahme. Heute geht die Bedeutung der Heimstatt weit über das rein Funktionale wie Schutz, Körperhygiene, Kochen, Essen usw. hinaus: Sie dient dem Rückzug vor der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, der Regeneration von Körper und Geist, dem privaten Vergnügen, der Wissensbildung und der Repräsentation, ja sogar der Kontemplation. Früher ging man dafür hinaus in die Welt: in die Kirche, um zu beten, in die Kneipe, um zu feiern, ins Schwimmbad, um sich zu reinigen oder fit zu halten, in die Bibliothek, um etwas nachzuschlagen.
Heute erledigt man das alles zuhause, Yoga-Matte, Fernseher und Internet sei dank. Wohnzimmer, Balkon und Küche laden zum gemütlichen Miteinander, das Wellness-Bad und die Fitness-Ecke zum Körpererlebnis ein. Cocooning lautete der Megatrend der 90er-Jahre, der nach wie vor den Lifestyle prägt. Heute allerdings in der Variante „Homing”, womit gemeint ist, dass der Mensch seinen Lebensmittelpunkt in den eigenen vier Wänden angesiedelt sieht und die Wohnung entsprechend attraktiv zu gestalten sucht.
Ihm wird das Heim immer mehr zur Heimat, die heimatliche Umwelt aber immer mehr zur potenziell gefährlichen Außenwelt. Begründeter Fluchttrieb oder dekadente Bequemlichkeit? Nur zur Arbeit bemüht sich der moderne Mensch noch – sanft getragen von seiner fahrbaren Wohnkabine, dem Auto – ins Büro. Dagegen erscheint die überfüllte Straßenbahn als die Verkörperung der fremden, ja feindlichen Außenwelt. „Die Hölle, das sind die anderen”, so lautete schon die Botschaft des Existenzialismus eines Jean-Paul Sartres.
Doch die Vorstellung vom idealen Wohnen hat sich gewandelt. Es beschränkt sich eben nicht mehr auf die Lümmelwiese für Couch Potatoes, sondern stellt das aktive Leben in den Mittelpunkt. Arbeit wird nicht mehr tabuisiert, sondern in den Alltag und das ästhetische Programm integriert.
Parallel hierzu findet auch in der Arbeitswelt eine tief greifende Veränderung statt, die sich im Möbeldesign widerspiegelt. Statt kalter Abgeklärtheit und Ellenbogenstil ist hier nämlich zunehmend kultivierte Kuscheltaktik angesagt. Gleichzeitig wird das Büro zum Ausdruck der inneren Haltung, seine Ausstattung mit Möbeln, (N)Espressomaschine und individuellem Bildschirmschoner verkünden entsprechend der modernen Corporate Culture: Hier habe ich es mir gemütlich gemacht, hier arbeite ich gerne.
Das Büro wird zum zweiten Heim. Man muss ja nicht gleich ein Feldbett aufstellen, ein Sofa tut es auch. Die kühle Eleganz von schwarzem Leder auf Stahlrohrrahmen wirkt allerdings zu unpersönlich und ist daher nicht mehr zeitgemäß. Wo die Architektur immer offener wird, scheint das Design gefragt, das Bedürfnis nach Wärme und räumlicher Begrenzung zu befriedigen. Das gilt im privaten genauso wie im öffentlichen Bereich. Doch gerade in der Arbeitswelt verspricht man sich von Mobiliar und Interior Design Wohnlichkeit und ein wenig Nestgefühl. Da, wo althergebrachte Gemütlichkeit durch Glaswände und klare Linien ersetzt wird, ist es Sache des Designs, für Emotionalität zu sorgen.
Selbstverwirklichung in Job und Heim ist bald kaum mehr voneinander zu trennen – auch nicht ästhetisch. Und so sind Büromöbel, die ein Gefühl von Zuhause vermitteln, nicht nur in der öffentlichen Welt gefragt. Privatheit ist nämlich auch in der Privatwohnung längst nicht mehr selbstverständlich. Die vier Wände haben nicht nur im immateriellen Sinn eine existenzielle Bedeutung gewonnen. Ob der Angestellte am Wochenende Überstunden schiebt oder mit Teleworking Kinder und Job unter einen Hut zu bringen sucht, ob der Selbstständige stets handlungsfähig sein muss oder die Ich-AG sich die Kosten für ein ohnehin wenig repräsentatives Büro sparen will … das Heim ist für viele längst zum Büro geworden und seine Ausstattung damit auch im materiellen Sinn eine Frage der Existenz(sicherung).
Schon heute arbeiten laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 1,8 Millionen Beschäftigte – darunter 42 Prozent Angestellte und 51 Prozent Selbstständige – von zu Hause aus. Die Designer und Hersteller erkennen erst allmählich den neuen Bedarf der Nutzer nach schönen, zeitgemäßen und multipel einsetzbaren Arbeitsmöbeln, die das Ineinanderfließen von Job und Freizeit angenehm gestalten. Während also die Anthropologen immer noch darüber grübeln, ob die ersten wirklich architektonisch zu nennenden Konstruktionen unserer Vorfahren nun tatsächlich Wohnstätten oder doch eher Sakralbauten waren, scheint sich das Verhältnis des modernen Menschen zum gebauten Lebensraum schon wieder zu wandeln.
Der Trend zum Rückzug ins Private ist von einer gegenläufigen Entwicklung überholt worden. Denn mit den technischen Errungenschaften Handy, Laptop, Internet und Webcam haben wir uns die Öffentlichkeit ins Haus geholt. Wenn erst das Bildtelefon bzw. Skype & Co. Verbreitung gefunden hat, ist die ständige Präsenz des öffentlichen Ichs Tatsache. Und wohin dann mit dem privaten Ich? Intimsphäre heißt der Luxus des 21. Jahrhunderts. Die Konzentration des Lebens auf eine – evtl. arbeitstechnisch aufgerüstete – Wohnung ist also keine Bequemlichkeit, sondern notwendiger Perspektivenwechsel. Und wenn außen schon innen wird, dann wenigstens mit viel Licht und ästhetischer Einrichtungskultur. Zum Verkriechen bleiben ja noch die Höhlen.
18. Mai 2009
Kategorie: Designkonzepte, Trends
Tags: Bildtelefon, Cocooning, Designkonzepte, Entwicklung, Handy, Home Office, Homing, Interior Design, Internet, Laptop, Möbeldesign, Skype, Videoconferencing, Webcam, Wohnlichkeit