Giulio Ridolfo ist kein Möbeldesigner, sondern studierter Modedesigner, der einst für Gianfranco Ferré und Tods & Hogan entwarf. Er gilt in der Einrichtungsbranche als einer der gefragtesten Quereinsteiger in Sachen Textildesign. Sein kreativer Beitrag ist in der Welt des Interior-Design sehr begehrt, was an der großen Anzahl renommierter Hersteller deutlich wird, für die Giulio Ridolfo gearbeitet hat.
Giulio Ridolfos Dekore schmücken die Polster des renommierten italienischen Möbelherstellers Moroso; der Materialexperte komponierte für Vitra ein Farbsystem, ist der erste Italiener im Designteam der gefragten dänischen Textilmanufaktur Kvadrat und Mitglied des Trendboards der imm cologne.
Dass der ausgebildete Modedesigner überhaupt mit der Einrichtungsbranche in Kontakt kam und schließlich dort tätig wurde, ist Patrizia Moroso zu verdanken. Die Unternehmerin aus der italienischen Kreativhochburg Udine war auf Talentsuche, als sie auf Giulio Ridolfo aufmerksam wurde und ihn schließlich als Berater engagierte.
Seitdem ist er an der Gestaltung der aktuellen Textilkollektionen beteiligt, er leitet Workshops für Einrichtungsprofis zu Kollektionseinführungen und erarbeitet in Kooperation mit Designern Entwürfe für die äußere Hülle – die „Haut“ – ihrer Objekte. Denn die Oberfläche eines Möbels als Schnittstelle zwischen Produkt und potenziellem Käufer ist mitentscheidend für den ersten Eindruck. Farben und Muster sollen in jedem Licht die gewünschte Wirkung erzielen und ansprechend wirken.
Auch beim Anfassen muss der Stoff die Erwartungen erfüllen und haptisch überzeugen. Dabei kommen Ridolfo seine Erfahrungen aus der Modebranche zugute. Für ihn verwandelt sich der zu entwerfende Polsterbezug in ein über den Korpus gespanntes „Möbel-Gewand“, das es zu gestalten gilt. Er experimentiert so lange mit Textilien, Nähten, Dekoren und Farbtönen, bis das Möbel richtig „eingekleidet“ ist und er ihm die passende Identität verliehen hat.
Die Interior-Branche wurde insbesondere durch Ridolfos Kooperation mit Patricia Urquiola für Moroso auf den Textilexperten aufmerksam. Bei Urquiolas Sessel Fjord zum Beispiel versah er die unifarbenen Leder- und Polsterbezüge mit doppelten, weit geschwungenen Nähten, die wie Meridiane über den Sessel laufen und ihm so das gewisse Etwas verleihen. Für das Sofa Shanghai Tip hingegen stellte er eine buntgemischte Textilkollektion zusammen, deren ungewöhnliche Kom bination aus blumigen, einfarbigen und geometrischen Stoffen völlig aus dem üblichen Rahmen fällt.
Inspirieren lässt sich Ridolfo von diversen kreativen Disziplinen. Neben Mode und Design liefern ihm beispielsweise auch historische oder visionäre Kunstströmungen Anregungen für seine Arbeit. Unterschiedliche Elemente zu etwas Neuem zu kombinieren, das den State of the Art des Objekts verkörpert, den Zeitgeist im Produkt einfängt und uns einen ganz eigenen Zugang zu ihm aufzeigt oder aber Diskussionen anstößt, sieht er als wichtigen Impuls seiner kreativen Arbeit.
Kennzeichnend für seine Schöpfungen ist dabei ein ständiges Kombinieren, erneutes Zerlegen und wieder Zusammensetzen von Mustern, Formen und Farben, bis das richtige „life motive“ für das Produkt gefunden ist. „Für mich reduziert sich immer alles auf die Frage, wann was für den Gebrauch geeignet ist. Das ist ein wichtiges Thema für mich. Warum also nicht einen modernen Super-Polyester mit edler Seide im Wohnbereich kombinieren, wenn sie jeweils den formalen Aspekten und dem Gebrauch ihrer Objekte gerecht werden?“ Dabei geht es dem Textilexperten keineswegs vorrangig um den Einsatz einer neuen Trendware.
Im Gegenteil: Ridolfo gesteht sogar, dass er Textilmessen mit ihren 500 000 unterschiedlichen Stoffen und all ihren neuesten Trends und Tendenzen eher langweilig findet. Denn sein Ausgangspunkt ist nicht der Stoff, sondern das Objekt. Die Wahl des Materials erfolgt daher erst, wenn er genau weiß, auf welche Weise dieses mit dem Objekt interagieren wird.
Lesen Sie mehr über die Arbeit von Giulio Ridolfo (u.a. in Deutschland) im Magazin visions, das für Sie als PDF zum kostenlosen Download zur Verfügung steht.
